
Autorin: Danya Kukafka
Titel: Notizen zu einer Hinrichtung
Kategorie: Roman
Originaltitel: Notes on an Execution
Übersetzt: Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Erschienen am 14. Februar 2024 bei Blumenbar/Aufbau Verlag
Hardcover: 22,00 Euro // E-Book: 16,99 Euro
Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (5 von 5 Sternen) – Buch des Monats im Juni 2024
Klappentext:
In 12 Stunden soll Ansel Packer hingerichtet werden. Doch dies ist nicht seine Geschichte. Dies ist die Geschichte der Frauen, die er zurückgelassen hat.
Ansel Packer weiß ganz genau, was er verbrochen hat, und wartet nun auf seine Hinrichtung – das gleiche grausame Schicksal, das er vor Jahren seinen Opfern auferlegt hat. Doch er will nicht sterben. Er will anerkannt und verstanden werden.
Durch ein Kaleidoskop von Frauen – eine Mutter, eine Schwester, eine Kommissarin der Mordkommission – erfahren wir die Geschichte von Ansels Leben. Atemberaubend spannend und mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen zeichnet Kukafka ein erschütterndes Porträt von Weiblichkeit, während sie gleichzeitig das Narrativ des Serienmörders und unsere kulturelle Besessenheit von Kriminalgeschichten hinterfragt.
Meine Meinung zu Notizen zu einer Hinrichtung
Wow! Ein wahres Meisterwerk, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Mein Monatshighlight im Juni 2024. Besser kann es, glaube ich, nicht mehr werden (wenn doch, lasse ich es euch wissen!).
Mein erster Eindruck
Das Cover mit dem Fuchs hat mich sofort angesprochen und nach dem Lesen kann ich sagen: Es passt wie die Faust aufs Auge! Mein erster Eindruck beim Lesen war durchweg positiv. Ich habe überhaupt nicht lange gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden und war sofort gefesselt.
Rezension
In „Notizen zu einer Hinrichtung“ lesen wir von Ansel Packer, einem Serienmörder in den USA, der kurz vor seiner Hinrichtung steht. 12 Stunden bleiben ihm noch, dann soll er per Giftspritze für seine Taten büßen. Diese 12 Stunden bis zur Exekution bilden eine der beiden Zeitebenen im Buch, zu der wir als Leser immer wieder zurückkehren. Und die Uhr tickt. In nicht chronologisch erzählten Rückblenden – der zweiten Zeitebene – erfahren wir nach und nach, wie es zu den Taten kommen konnte. Dabei lernen wir eine Reihe weiblicher Figuren kennen, die alle in Verbindung zu Ansel Packer stehen.
„Der Seelsorger hat dich mit unverhohlenem Mitleid angesehen – für dich war Mitleid schon immer die größte Beleidigung gewesen. Mitleid ist Zerstörung in der Maske des Mitgefühls. Mitleid macht dich nackt. Mitleid lässt dich schrumpfen.“
Aus Notizen zu einer Hinrichtung von Danya Kukafka
Über den Inhalt möchte ich nicht viel mehr sagen, da der Klappentext schon genug verrät. Was ich aber hervorheben möchte, ist zum einen der präzise, gelungene Schreibstil von Danya Kukafka (auf den Punkt ins Deutsche übertragen von der Übersetzerin Andrea O’Brien) und zum anderen der besondere Aufbau der Geschichte.
Fesselnd und schonungslos erzählt Danya Kukafka den Lebensweg von Ansel und vor allem die Geschichte seiner Opfer, wobei die Autorin den Serienmörder zwar zu Wort kommen lässt, aber eher als Brücke für eine umfassendere Auseinandersetzung mit den Umständen und den betroffenen Opfern in seinem Leben.
Doch das Buch ist weit mehr als Unterhaltungsliteratur: Es richtet den Finger schonungslos auf das kaputte Justizsystem der USA. Dort, wo die Todesstrafe in 27 US-Bundesstaaten noch immer nicht abgeschafft und damit brutale Realität ist. Unweigerlich stellt sich beim Lesen die moralische Frage, ob der Staat über Leben und Tod entscheiden darf.
Brutal ist übrigens auch das Leben des Menschen Ansel, bevor er zum Serienmörder wurde. Nach einigen Szenen musste ich das Buch sogar kurz weglegen, und zurück blieb ein erdrückendes Gefühl der Verzweiflung, weil mir durchaus bewusst ist, dass das, was im Buch passiert, jederzeit irgendwo auf der Welt gerade stattfinden kann. Und ich kann nichts dagegen tun.
Dabei verzichtet Danya Kukafka in dieser Geschichte auf blutige Szenen und Gewaltdarstellungen, wie sie in anderen Büchern oft zu finden sind. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Psychologie hinter den Taten, auf die Menschen, die direkt oder indirekt von Ansels Handlungen betroffen sind, und auf die Ereignisse und Situationen, die ihn – vielleicht – zu dem gemacht haben, der er ist.
Der Autorin gelingt es meisterhaft, ihre Leser emotional zu fesseln und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Ihre einfühlsame und zugleich kraftvolle Sprache verleiht den Figuren Tiefe und Authentizität.
👍 Du solltest das Buch unbedingt lesen, wenn:
– du einen fesselnden, gesellschaftskritischen Roman suchst (mit Pageturner-Potenzial!)
– du Bücher schätzt, die sich mit der Psychologie von Tätern auseinandersetzen
– dich Bücher interessieren, die moralische Fragen aufwerfen
👎 Du solltest lieber Abstand von dem Buch nehme, wenn du:
– empfindlich bei schweren und düsteren Themen bist
– hauptsächlich leichte und unbeschwerte Lektüre bevorzugst
Fazit
Nie voyeuristisch, sondern einfühlsam und respektvoll schafft es die Autorin, die Geschichte eines Serienmörders – fast schon eine Gesellschaftsstudie – aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu erzählen, die weit über die gewohnte Kriminalliteratur hinausgeht. Das hat mir besonders gut gefallen! Wer gerne gesellschaftskritische zeitgenössische Romane liest, sollte „Notizen zu einer Hinrichtung“ unbedingt zur Hand nehmen. Ganz klare Empfehlung von mir: Monatshighlight im Juni und (bisheriges) Jahreshighlight 2024.
Ich habe das Buch über NetGalley vom Blumenbar Verlag (gehört zum Aufbau Verlag) als E-Book zur Verfügung gestellt bekommen, vielen Dank dafür! Ich hoffe, mit meiner Rezension dazu beitragen zu können, dass noch mehr Leserinnen und Leser dieses tolle Buch entdecken.





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