
Autorin: Ann-Helén Laestadius
Titel: Die Zeit im Sommerlicht
Kategorie: Historische Erzählung
Originaltitel: Straff (Schwedisch für Strafe)
Übersetzt: Aus dem Schwedischen von Maike Barth, Dagmar Mißfeldt
Erschienen am 4. April 2024 bei Hoffmann und Campe
Gebunden: 26,00 Euro // E-Book: 20,99 Euro
Bewertung: ⭐️⭐️⭐️ (3 von 5 Sternen)
Klappentext:
Schweden in den 1950er Jahren. Else-Maj ist sieben Jahre alt, als sie das vertraute Leben im Sámi-Dorf und die wärmende Gegenwart ihrer geliebten Rentiere hinter sich lassen und in ein sogenanntes Nomadeninternat gehen muss. Hier trifft sie auf Jon-Ante, Marge und andere Sámi-Kinder, die wie Else-Maj von nun an all das verleugnen sollen, was sie von der Welt kennen. Allein die gutmütige Erzieherin Anna, eine Sámi wie sie, hält eine schützende Hand über die Kinder. Doch eines Tages verschwindet sie ohne jede Spur. Erst viele Jahre später erfahren die einstigen Schüler die Antwort und mit ihr endlich eine Chance auf Genugtuung – und Heilung.
„Die Zeit im Sommerlicht“ von Ann-Helén Laestadius: Eine Reise in die Geschichte der Samen
Als eines der wenigen indigenen Völker Europas haben die im Norden Skandinaviens lebenden Samen eine traditionsreiche und oft vergessene Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Ich hatte zuvor noch nie etwas über diese ethnische Gruppe gehört und war neugierig, mehr über ihre Geschichte und Kultur zu erfahren.
In dem Buch „Die Zeit im Sommerlicht“ erfahren wir vor dem Hintergrund der Nomadenschulen und der damit verbundenen Zwangsassimilation, wie die Vergangenheit der samischen Kinder ihr Leben als Erwachsene geprägt hat.
Ich fand das Thema in diesem Buch insbesondere deshalb so interessant, weil es Parallelen zu den tragischen Ereignissen um die Residential Schools in Kanada gibt, wo mehr als 150.000 indigene Kinder auf staatlichen Auftrag hin oft gewaltsam in Internatsschulen gesteckt wurden, um sie dort zu assimilieren. Heute spricht man von kulturellem Genozid. Wer näher in das Thema eintauchen möchte, dem lege ich „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese ans Herz.
Doch trotz des ernsten und wichtigen Themas hat mich „Die Zeit im Sommerlicht“ letztendlich nicht ganz überzeugt. Es war mir stellenweise zu langatmig, zu verworren, mit zu vielen Perspektiven. Aus diesem Grund fiel es mir schwer, mich auf das Buch einzulassen. Die Figuren blieben mir bis zum Schluss fremd und durch den ausschnitthaften Erzählstil fühlte es sich seltsam distanziert an.
Warum ich trotzdem 3 Sterne vergeben habe, erfahrt ihr in der ausführlichen Rezension weiter unten.
Der erste Eindruck
Das Cover der deutschen Ausgabe ist wunderschön, allerdings vermittelt es meiner Meinung nach eine andere Stimmung als der Inhalt des Buches. Zusammen mit dem Titel „Die Zeit im Sommerlicht“ könnte das bei den Leserinnen und Lesern falsche Erwartungen wecken, denn das Buch erzählt eher eine tiefgründige und tragische Geschichte und ist definitiv kein sommerlicher Gute-Laune-Roman, wie Cover und Titel vermuten lassen.
Worum geht es in „Die Zeit im Sommerlicht“?
Das Buch beschreibt die Situation der samischen Urbevölkerung Schwedens in den 1950er Jahren. Zur damaligen Zeit steckte der schwedische Staat die Kinder der Samen in sogenannte Nomadenschulen, wo sie gezwungen wurden, ihre kulturelle und sprachliche Identität abzulegen.
In dem hier besprochenen Buch war es den Kindern beispielsweise verboten, Samisch zu sprechen, und wer sich diesem Verbot widersetzte, wurde hart bestraft. Personifiziert wurde diese Unterdrückung und gewaltsame Assimilation im Buch durch die Hausmutter der Nomadenschule, eine durch und durch böse Person, die es genießt, die Kinder zu quälen.
In dem Buch begleiten wir abwechselnd fünf betroffene Kinder sowohl während ihrer Zeit in einem der oben genannten Internate als auch ca. 30 Jahre später als Erwachsene. Dabei beschreibt die Autorin sehr eindringlich, welche Auswirkungen die traumatischen Erfahrungen in der Kindheit auf das spätere Leben der Betroffenen haben: u.a. Alkoholismus, psychische Probleme und das Finden der individuellen Identität in einer Gruppe.
Rezension
Ann-Helén Laestadius hat mit diesem Buch eine fiktive Geschichte geschrieben, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ich wusste bisher nichts über die Samen, deshalb bin ich sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben und tiefer in die Geschichte und die Hintergründe dieses Volkes eingetaucht zu sein. Was den Kindern widerfährt, ist grausam und für zarte Gemüter kaum zu ertragen.
Zunächst ist es erwähnenswert, dass dieses Buch der zweite Teil einer Trilogie über das samische Volk ist (die Trilogie heißt Sapmitrilogin). Das war mir beim Lesen des Buches nicht bewusst. Ich glaube zwar nicht, dass man den ersten Teil unbedingt gelesen haben muss, um das hier besprochene Buch zu verstehen, aber ich denke schon, dass man im ersten Teil vielleicht etwas mehr über das Leben der Samen erfährt und mit diesem Wissen die Geschehnisse im zweiten Teil besser einordnen kann.
Der erste Teil heißt übrigens Das Leuchten der Rentiere und ist ebenfalls bei Hoffmann und Campe erschienen. Das Buch wurde kürzlich auch von Netflix verfilmt.
Doch nun zu Die Zeit im Sommerlicht selbst:
In Fragmenten erfahren wir, was die Kinder damals in der Nomadenschule Schreckliches erlebt haben und dann in Form von Zeitsprüngen, wie es den Betroffenen heute geht. Es ist interessant zu lesen, wie die einzelnen Figuren mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit umgehen, denn die Folgen zeigen sich bei jedem auf unterschiedliche Weise, was sehr realistisch dargestellt wird. Menschen aus sozial und kulturell marginalisierten Gruppen haben oft ein Leben lang mit solchen Traumata zu kämpfen. Es ist wichtig, dafür ein Bewusstsein zu schaffen.
Der fragmentierte und dokumentarische Erzählstil und die vielen Perspektivwechsel machten es mir jedoch schwer, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Trotz des wichtigen Themas wirkte die Handlung oft langatmig und es fehlte ein roter Faden, sodass ich Schwierigkeiten hatte, mich auf das Buch einzulassen.
Außerdem wurde mein Lesefluss von den häufig eingestreuten samischen Wörtern und Phrasen unterbrochen. Am Ende des Buches gibt es zwar ein kleines Wörterbuch, doch das wusste ich während des Lesens leider nicht.
Ich habe das Buch dennoch gut (also mit drei Sternen) bewertet, weil ich es wichtig finde, dass diese Geschichte erzählt wird und dass weiterhin über das Unrecht gesprochen wird, das den Betroffenen damals widerfahren ist. Das Erlebte muss aufgearbeitet werden, und wie lässt sich das besser erreichen als durch Literatur? Ich möchte auch unbedingt den ersten Band lesen, um mehr über das Leben und die Kultur der Samen zu erfahren.
Fazit
👍 Du solltest das Buch unbedingt lesen, wenn du:
– dich für die Geschichte und Kultur der Samen interessierst und mehr darüber erfahren möchtest
– gerne historische Erzählungen liest, die auf wahren Begebenheiten beruhen
– Bücher magst, die schwierige und emotionale Themen behandeln
👎 Das Buch ist eher nichts für dich, wenn du:
– eine leichte, unbeschwerte Lektüre suchst
– dich schnell langweilst, wenn eine Handlung sich langsam entwickelt
– Schwierigkeiten hast, dich auf fragmentarische Erzählungen und häufige Perspektivwechsel einzulassen
Das Buch wurde mir von Hoffmann und Campe über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt, vielen Dank dafür! Ich hoffe, dass durch meine Rezension mehr Menschen auf das Thema aufmerksam werden und zu diesem Buch und seinem Vorgänger greifen.
Und nun viel Spaß beim Lesen!






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