
Autor: Chris Whitaker
Titel: In den Farben des Dunkels
Kategorie: Drama, Gesellschaftsroman, Mystery
Originaltitel: All the Colors of the Dark
Übersetzt: Aus dem Englischen von Conny Lösch
Erschienen am 27. Juni 2024 beim Piper Verlag
Gebunden: 24,00 Euro // E-Book: 19,99 Euro
Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (4 von 5 Sternen)
Klappentext:
Es ist gleißend heller Hochsommer, als der dreizehnjährige Patch entführt wird. Für seine beste Freundin Saint bricht an diesem Tag die Welt zusammen. Sie isst, schläft und atmet nur noch, um ihn zu finden und nach Hause zu holen.
Patch verbringt unendliche Stunden allein in einem stockdunklen Raum. Bis er eine Hand in seiner fühlt. Das Mädchen sagt, es heiße Grace, und es holt Patch aus dem Dunkel, indem es die Welt mit seinen Worten malt.
Patch wird schließlich befreit, doch nicht erlöst. Denn niemand glaubt ihm, dass es Grace wirklich gab. Er will sie um jeden Preis finden und das Verbrechen sühnen, das ihn nicht loslässt. Auch Saint sucht den Täter und die Wahrheit, aber mit ganz anderen Mitteln als Patch. Selbst wenn das bedeutet, dass sie ihn für immer verlieren könnte.
„Heute wird der schönste Tag meines Lebens“, sagte er. Das sagte er häufig. Weil er nicht wusste, was ihm bevorstand.
Meine Meinung zu „In den Farben des Dunkels“ von Chris Whitaker
Was für ein wort- und sprachgewaltiges Meisterwerk! So ein Buch stelle ich mir vor, wenn ich das Wort Schmöker höre. Ein ganz großer amerikanischer Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund einer Kleinstadt und ihrer Bewohner – allen voran die Hauptfigur Patch. Für fünf volle Sterne hat es leider nicht ganz gereicht, da der Roman für meinen Geschmack teilweise zu sehr ausschweift, mit viel zu vielen Nebenfiguren und Details, wodurch in der Mitte des Buches einige Längen entstehen.
Nichtsdestotrotz eine Leseempfehlung von mir, wenn man diese Art von Büchern mag. Weitere Details findet ihr in der ausführlichen Rezension unten!
„Wieso kannst du so viel?“, fragte Saint, als ihre Großmutter einen Hobel nahm und das Holz glättete. „Hast du deinem Großvater jemals diese Frage gestellt?“ Saint schüttelte den Kopf.
Der erste Eindruck
Das Cover und der Klappentext sind wirklich gelungen, machen Lust auf mehr und passen sehr gut zum Inhalt und zur Geschichte des Buches. Beim Lesen der Leseprobe war ich sofort gefesselt von Patch, dem Jungen mit der Augenklappe, seiner besten Freundin Saint (inklusive Grandma Norma) und seiner Mutter. Ein absolut toller Einstieg, der richtig Lust aufs Weiterlesen gemacht hat.
Vorab habe ich an mehreren Stellen gelesen, dass das Buch mit Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens verglichen wird, wodurch meine Messlatte recht weit oben angesetzt war. Das ist dem hier rezensierten Buch gegenüber eigentlich unfair, denn „Der Gesang der Flusskrebse“ ist eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. Wie soll ein Buch da mithalten?
Meine Rezension zu „Die Farben des Dunkels“ von Chris Whitaker
Worum geht es überhaupt?
Wie der Klappentext schon verrät, begleiten wir in diesem beeindruckenden Buch Joseph „Patch“ Macauley, einen 13-jährigen Jungen mit nur einem Auge, der zu Beginn mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt in Missouri lebt. Patch ist mutig und schreckt vor nichts zurück, doch diese Charaktereigenschaft wird ihm zum Verhängnis, als er heldenhaft die Entführung eines Mädchens verhindert und dabei selbst zum Opfer wird. Wer ihn entführt hat und warum, erfahren wir im Laufe des Buches. Wir erfahren auch, dass Patch die Odyssee zwar überlebt, aber tiefe Wunden und Narben davonträgt, die sein Dasein und das seines engsten Umfeldes ein Leben lang begleiten und beeinflussen werden.
In diesem Roman werden viele Themen aufgegriffen: Freundschaft, Liebe, Familie und Zusammenhalt, eine mysteriöse Mordserie, der Umgang mit Traumata, die Auswirkungen solcher Ereignisse auf die Menschen, die einem nahestehen, die lebenslange Suche nach Antworten, schicksalhafte Begegnungen, der Kampf mit inneren Dämonen und das Los, mit dem leben zu müssen, was einem widerfahren ist.
Chris Whitaker hat hier wirklich ein ganz großes Werk geschrieben. Genau solche Romane liebe ich. Für mich persönlich gibt es nichts Besseres, als eine Hauptfigur über Jahrzehnte in ihrer Entwicklung zu begleiten. Wenn das Buch dann noch in den USA spielt und gesellschaftskritische Themen anspricht, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Der Autor hat außerdem die bemerkenswerte Gabe, die Figuren sehr vielschichtig zu zeichnen, so dass wir als Leser hautnah dabei sind, mit ihnen lachen und weinen, leiden und mitfiebern. Die Charaktere sind komplex und glaubwürdig. Es sind echte Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, seltsamen Gewohnheiten, inneren Konflikten und nachvollziehbaren Handlungen, die den ganzen Roman sehr real erscheinen lassen.
„Patch wusste, dass es Augenblicke gab, in denen man eine schlechte Entscheidung traf, obwohl einem klar war, was daraus folgen würde.“
Das Buch hat mir wirklich gut gefallen, vor allem der Anfang und das Ende. Es war in sich rund, die Aufklärung war für mich schlüssig (auch wenn ich in einigen anderen Rezensionen von Unverständnis über das Verhalten einer bestimmten Figur gelesen habe).
Aber man muss sich auf das Buch einlassen können. Was ich damit sagen möchte: Das Buch ist nichts für zwischendurch. Ich musste einige wirklich ausufernde Lesestunden einlegen und habe deshalb auch ungewöhnlich lange gebraucht, um das Buch zu beenden. Es ist eben ein Epos. Irgendwann in der Mitte des Buches hatte ich sogar stellenweise gar keine Lust mehr, das Buch zur Hand zu nehmen, weil ich das Gefühl hatte, dass sich der Autor teilweise in zu vielen Details, Personen und Orten verzettelt. Trotzdem bin ich froh, das Buch nicht abgebrochen zu haben, denn es hat sich gelohnt, dranzubleiben.
Die Geschichte entwickelt sich wirklich sehr langsam. Wer hier einen rasanten Thriller erwartet, wird leider enttäuscht. Man muss den langsamen Erzählstil mögen. Ich persönlich konnte mit Patchs Besessenheit von Grace im Laufe der Geschichte nicht viel anfangen. Das lag aber daran, dass ich etwas ganz anderes vermutet hatte. So war ich am Ende wirklich überrascht von der Auflösung!
„Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis, wenn man Gutes tut. Nur wenn man etwas vermasselt, funktioniert die Erinnerung ausgezeichnet.“
Fazit
Ein gelungener epischer Gesellschaftsroman, der den beiden Vorgängern von Chris Whitaker in nichts nachsteht – mit einigen Längen, über die ich aber im Nachhinein hinwegsehen kann, wenn ich das große Ganze betrachte.
👍 Du solltest das Buch unbedingt lesen, wenn:
– du komplexe und tiefgründige Charaktere magst, die dich emotional mitreißen
– du gerne epische Gesellschaftsromane liest
– dich Bücher interessieren, die in kleinen Städten in den USA spielen und die Dynamik solcher Communitys zeigen
👎 Du solltest lieber einen Bogen um dieses Buch machen, wenn:
– du schnelle, actionreiche Geschichten bevorzugst
– du wenig Geduld für einen sich langsam aufbauenden Plot hast
– du auf der Suche nach leichter und unkompliziert zu lesender Lektüre bist
Wie sieht es bei euch aus? Gefallen euch solche epischen Geschichten, die zeigen, wie sich eine Figur im Laufe ihres Lebens entwickelt? Oder muss es für euch eher temporeich und rasant sein? Lasst doch gerne einen Kommentar da.






Schreibe einen Kommentar