
Autorin: Rebecca F. Kuang
Titel: Yellowface
Kategorie: Literarische Unterhaltung
Originaltitel: Yellowface
Übersetzt: Aus dem Englischen von Jasmin Humburg
Erschienen am 29. Februar 2024 beim Eichborn Verlag
Gebunden: 24,00 Euro // E-Book: 23,99 Euro
Bewertung: ⭐️⭐️⭐️ (3 von 5 Sternen)
Klappentext:
June Hayward und Athena Liu könnten beide aufstrebende Stars der Literaturszene sein. Doch während die chinesisch-amerikanische Autorin Athena für ihre Romane gefeiert wird, fristet June ein Dasein im Abseits. Niemand interessiert sich für Geschichten „ganz normaler“ weißer Mädchen, so sieht es June zumindest.
Als June Zeugin wird, wie Athena bei einem Unfall stirbt, stiehlt sie im Affekt Athenas neuestes, gerade vollendetes Manuskript, einen Roman über die Heldentaten chinesischer Arbeiter während des Ersten Weltkriegs.
June überarbeitet das Werk und veröffentlicht es unter ihrem neuen Künstlernamen Juniper Song. Denn verdient es dieses Stück Geschichte nicht, erzählt zu werden, und zwar egal von wem? Aber nun muss June ihr Geheimnis hüten. Und herausfinden, wie weit sie dafür gehen will.
Ihr Buch ist ein Bestseller. Das Problem ist nur – sie hat es nicht geschrieben.
Meine Meinung zu Yellowface von Rebecca F. Kuang
Das Buch wurde in der Literaturszene – sowohl international als auch national – stark gefeiert und von der gesamten Branche auf ein literarisches Podest gestellt. Ob in den Schaufenstern der Buchhandlungen oder in den Instagram-Feeds, das auffällige gelbe Cover schien Anfang des Jahres omnipräsent zu sein. Der Hype um Yellowface weckte natürlich auch bei mir hohe Erwartungen.
Erhofft hatte ich mir ein tiefgründiges Werk über kulturelle Aneignung und Rassismus im Literaturbetrieb, verbunden mit einer spannenden und rasanten Handlung. Doch leider hat mich das Buch dann doch etwas enttäuscht zurückgelassen: Am Ende war Yellowface für mich mittelmäßig – d. h. nicht schlecht, aber auch nicht annähernd so gut, wie es die Marketingmaschinerie versprochen hatte.
Die nervigste und unsympathischste Hauptfigur aller Zeiten
Die Grundidee von Yellowface ist durchaus interessant: June, eine weiße Autorin, stiehlt ein Manuskript ihrer verstorbenen Freundin Athena über die chinesischen Arbeiter im Ersten Weltkrieg und veröffentlicht es unter ihrem eigenen Namen. Es kommt, wie es kommen muss, und das Buch wird sozusagen über Nacht zu einem Bestseller, wodurch das Werk (Die letzte Front) und damit auch unweigerlich June plötzlich jede Menge Aufmerksamkeit erfahren und im Rampenlicht stehen. Neben der Tatsache des geistigen Diebstahls (wie das zu bewerten ist, sollte klar sein) wirft das Buch die moralische Frage auf: Darf eine Weiße über ein solches Thema schreiben?
Vor allem aus der asiatischen Literatur-Community hagelt es schnell Kritik und Junes Umgang damit ist unprofessionell und schwierig. Kuang hat hier eine Antiheldin geschaffen, bei der man positive Eigenschaften vergeblich sucht. Sie ist selbstgefällig, uneinsichtig und überheblich – eine durch und durch unreflektierte Person, die sich keiner Schuld bewusst ist und sich selbst und die Leser in einer Tour belügt. Diese überzeichnete Darstellung wirkt allerdings fast schon aufdringlich wie auf dem Silbertablett serviert und lässt leider nur wenig Raum für eigene Interpretationen.
„Wie fühlt es sich an, du zu sein? Wie fühlt es sich an, so unglaublich perfekt zu sein und alle guten Dinge dieser Welt zu haben? […] ich spüre einen glühenden Knoten im Magen, den bizarren Drang, meine Finger in ihren himbeerrot bemalten Mund zu stecken und ihr Gesicht zu zerreißen, ihr die Haut vom Körper zu schälen, wie von einer Orange und sie mir selbst überzustreifen.“
Aus Yellowface von Rebecca F. Kuang
Vielleicht hat Kuang June bewusst so extrem unsympathisch und eindimensional gezeichnet, um die Botschaft des Buches unmissverständlich zu verdeutlichen – es soll ja eine Satire sein. Wie oben bereits kurz angeschnitten, verkörpert June den Inbegriff der Weißen Frau, die mit kultureller Aneignung überhaupt kein Problem hat. Sie versteht weder die moralischen und ethischen Konsequenzen noch schafft sie es, sich selbst kritisch zu hinterfragen. Damit legt Kuang den Finger genau in die Wunde unserer Gesellschaft und zeigt, wie Privilegiertheit zu Arroganz, Selbstüberschätzung und völliger Unbelehrbarkeit führen kann.
Doch gerade weil das Thema der kulturellen Aneignung und die moralischen Aspekte, die sich daraus ergeben, so vielschichtig sind, wäre eine differenziertere Darstellung von June vielleicht auf mehr Resonanz gestoßen? Denn eine Figur, die nicht nur Abneigung hervorruft – wie es bei June der Fall ist –, sondern auch ambivalente Gefühle erzeugt, hätte der Leserschaft vielleicht mehr Möglichkeiten gegeben, sich selbst und ihre moralischen Grenzen zu hinterfragen?
Es wäre meiner Ansicht nach interessanter gewesen, June auch Momente der Selbstreflexion zuzugestehen, anstatt sie als bloßes Symbol für Ignoranz und Überheblichkeit heranzuziehen. So bleibt sie leider recht eindimensional, was letztlich in einer ermüdenden und vorhersehbaren Endlosschleife aus Gejammer, Twitter-Shitstorms und Angst, entdeckt zu werden, endet.
Inhaltlich wenig überraschend
Der Plot an sich entspricht in etwa dem Klappentext. Der spannendste Teil des Buches – Athenas Tod und der Diebstahl des Manuskripts – passiert gleich zu Beginn. Der Rest der Geschichte dreht sich vor allem um Social-Media-Hate, Junes Selbstmitleid und ellenlange Rechtfertigungen. Der Showdown gegen Ende wirkt dann tatsächlich zu konstruiert und bietet kaum den erhofften Überraschungseffekt. Es war einfach alles so offensichtlich und plakativ!
Das Beste am Buch: Der Blick hinter die Kulissen der Literaturbranche
Richtig gut an Yellowface gefallen hat mir die Darstellung des Literaturbetriebs in den USA. Ob es wirklich so toxisch zugeht, wie im Buch beschrieben, weiß ich natürlich nicht, da mir die Erfahrung fehlt. Aber es hat Spaß gemacht, hinter die Kulissen zu blicken!
Fazit
Ich gebe insgesamt 3 von 5 Sternen, weil das Buch zwar seine Daseinsberechtigung hat, es mich aber – wie oben ausführlich dargestellt – nicht vollständig überzeugen konnte.
Falls ihr nach meiner Rezension Lust auf das Buch haben solltet, empfehle ich euch, Yellowface als gedruckte Version zu kaufen, denn a) der Preisunterschied zwischen E-Book und haptischem Buch beträgt nur 1 Cent (falls mir jemand das erklären kann, schreibt mir gerne eine E-Mail oder hinterlasst einen Kommentar) und b) im Buch erwartet euch unter dem Schutzumschlag eine kleine Überraschung.
👍 Du solltest Yellowface unbedingt lesen, wenn:
– du Bücher magst, die aktuelle Themen wie kulturelle Aneignung und Rassismus behandeln
– du an Diskussionen über Ethik und Moral in der Kunst und Literatur interessiert bist
– du einen Blick hinter die Kulissen der Literaturbranche werfen möchtest
👎 Yellowface ist eher nicht das richtige Buch für dich, wenn:
– dich eindimensionale, wenig facettenreiche Hauptfiguren stören
– du mit Gendern in Büchern nicht klarkommst (in der deutschen Version wird mit dem Doppelpunkt gegendert!)
– dich ständige Social-Media-Diskussionen in der Handlung eher ermüden als fesseln
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Wenn ihr Lust auf ein vergleichbares Buch mit einer ähnlichen Handlung habt (allerdings ohne den gesellschaftlich-moralischen Holzhammer Kuangs) , solltet ihr unbedingt Der Plot – Eine todsichere Geschichte von Jean Hanff Korelitz lesen. Das Buch war ein richtiger Page-Turner und hat meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit verdient.
Und nun viel Spaß beim Lesen!






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